×

In guten alten Zeiten

Das Altersheim «Salem» feiert sein 100-Jahr-Jubiläum mit einer ebenso launigen wie nostalgischen Modenschau für die Bewohner. Ein junger Grammophon-Liebhaber gibt den DJ.

Ueli
Weber
22.04.17 - 10:14 Uhr
Leben & Freizeit
Schwelgen in alten Zeiten: Die Angestellten des Altersheims Salem wagen sich für die Bewohner auf den historischen Laufsteg.
Schwelgen in alten Zeiten: Die Angestellten des Altersheims Salem wagen sich für die Bewohner auf den historischen Laufsteg.
Ueli Weber

«Kennt vielleicht jemand von Euch dieses Lied?», fragt Stefan Lehmann und kurbelt sein Grammophon an. Die Schellackplatte beginnt zu drehen, es rauscht und dann füllt Musik den Saal des Altersheims «Salem» in Ennenda. Alle kennen dieses Lied.

«Nachem Rege schiint d’ Sunne, nachem briegge wird glacht»

Lehmann strahlt und beginnt mitzusingen. Schnell singt auch sein Publikum mit. Wenn es so etwas wie den Traum aller Schwiegermütter gibt, ist Lehmann der Traum aller Grossmütter. Als das Lied zuende ist, erntet Lehmann Applaus. Sogar die eine oder andere Träne wird weggewischt. Als DJ der Nostalgie ist der etwas über 30-jährige Winterthurer die Idealbesetzung an diesem Freitagnachmittag im Altersheim «Salem» in Ennenda: Zum hundertsten Geburtstag hat das Heim in Ennenda eine nostalgische Modenschau auf die Beine gestellt.

Heimleiterin Christine Bickel stellt sich vors Mikrophon und sagt zur Begrüssung der Bewohner und Gäste: «Wir hoffen, dass ihre Gedanken wegschweifen in die Zeit, als sie selber noch diese Kleider getragen haben und dass schöne Erinnerungen aufkommen.»

Während Bickel spricht, wirft eines der Models einen scheuen Blick hinter dem Vorhang hervor. Drei Angestellte des Heims und der Seelsorger führen für die Bewohner Kleider aus 100 Jahren «Salem» vor. Als es losgeht, ist von Scheu nichts mehr zu spüren: Der Seelsorger legt zur Freude des Publikums gleich mal ein Tänzchen auf den Laufsteg – im Frack und mit Zylinder. Die Kleider stammen sie teils von einem Kostümverleih, andere sind private Leihgaben, erzählt Bickel: etwa ein Schwesternkleid, aus der Gründungszeit des «Salems». Das wird aber nur auf einem Mannequin gezeigt. Um es tragen zu dürfen, müsste man auch eine Schwester sein. Dazwischen gibt es alte Fotos vom Salem und den damaligen Angestellten zu sehen. Bickel erzählt von den Arbeits- und Freizeitkleidern und den Leuten, die sie trugen.

Der Saal ist voll. Zur Pause servieren die Angestellten in alten Trachten Kaffee und Kuchen. Nicht alle im Publikum wohnen auch im «Salem». Etwa Annelies Luchsinger aus Schwanden. «Sehr schön, so nostalgisch», sagt sie zum Nachmittagsprogramm. Luchsinger hat einst Schneiderin gelernt, hinter ihrem Besuch in Ennenda steckt also auch ein gewisses berufliches Interesse. «Nur schon die Zeit, die es brauchte, um diese Kleider zu nähen», schwärmt sie. Nach der Pause kommen schon die 40er und 50er, als die «Säume bedenklich nach oben rutschten, die Waden zu sehen und die Knie zu erahnen waren», wie Bickel ankündigt. Als die Mode in den Siebzigerjahren ankommt, hat auch Bickel ein Kleidungsstück beigesteuert: «Den Hut habe ich persönlich in Paris gekauft», erzählt Bickel. «Ich musste ihn einfach haben!»

Zwischen den verschiedenen Mode-Epochen spielt immer wieder Lehmann auf. Der leidenschaftliche Sammler hat gleich vier Grammophone – und noch mehr Schellack-Platten mitgebracht. Vom «Landidörfli» über das «Guggerzytli» bis zu Duke Ellington und Scott Joplin hat Lehmann Hits dabei, die aus einer Zeit stammen, als in der Schweiz noch niemand wusste, was das Wort «Hit» überhaupt bedeutet. So endet um vier Uhr ein beschwingter, manchmal fast wehmütiger Nachmittag.

Ueli Weber ist stellvertretender Redaktionsleiter der «Glarner Nachrichten». Er hat die Diplomausbildung Journalismus am MAZ absolviert und berichtet seit über zehn Jahren über das Glarnerland. Mehr Infos

Kommentieren
Wir bitten um euer Verständnis, dass der Zugang zu den Kommentaren unseren Abonnenten vorbehalten ist. Registriere dich und erhalte Zugriff auf mehr Artikel oder erhalte unlimitierter Zugang zu allen Inhalten, indem du dich für eines unserer digitalen Abos entscheidest.
Könnte euch auch interessieren
Mehr zu Leben & Freizeit MEHR