True Crime Graubünden: Als ein Nazimord in Davos international für Aufsehen sorgte
Im Jahr 1936 schiesst David Frankfurter in Davos ein Mitglied der damaligen NSDAP nieder. Der Fall sorgt international für Aufregung und auch der Schweizer Bundesrat äussert sich dazu.
Im Jahr 1936 schiesst David Frankfurter in Davos ein Mitglied der damaligen NSDAP nieder. Der Fall sorgt international für Aufregung und auch der Schweizer Bundesrat äussert sich dazu.
Hedwig Gustloff führt ihn ins Arbeitszimmer des Ehemannes. Ein wenig später betritt Wilhelm Gustloff den Raum – und unterschreibt damit sein Todesurteil. Frankfurter schiesst ihm vier Kugeln in den Hals und in die Brust und flüchtet aus der Wohnung.
Es ist ein Fall, der weit über die Schweiz hinaus für grosses Aufsehen sorgt. Die internationale Presse berichtet, es werden Bücher über den Mord geschrieben und die Geschichte wird gar von einem Schweizer Regisseur verfilmt. Der Grund: Es steckt deutlich mehr hinter dieser Tat.
Pistole bereits im Jahr davor gekauft
Aber um das zu verstehen, ist etwas Hintergrundwissen zu diesen beiden Personen notwendig. Frankfurter ist in einer konservativen jüdischen Familie im damaligen Jugoslawien aufgewachsen. Im Jahr 1929 siedelt er nach Deutschland über, um Medizin zu studieren.
Doch ab dem Wintersemester 1933/1934 studiert er in Bern weiter, weil er von den antisemitischen Ausschreitungen in Deutschland nach der Machtübernahme der NSDAP beunruhigt ist. Im Dezember 1935 besorgt sich Frankfurter eine Pistole. Sein Plan: den höchsten Repräsentanten der Nazis in der Schweiz zu erschiessen und danach sich selbst zu richten.
Und hier kommt Wilhelm Gustloff ins Spiel. Dieser kommt 1917 wegen eines Lungenleidens in die Schweiz. Er bleibt und wird Angestellter beim Physikalisch-Meteorologischen Institut in Davos. Er wird als kleiner unauffälliger Beamter wahrgenommen, wie es in verschiedenen Zeitungsberichten heisst.
1932 wird er Leiter der Schweizer Landesgruppe der NSDAP und versucht in den Jahren darauf, die Deutschen in der Schweiz für das nationalsozialistische Gedankengut zu gewinnen.
Davos ist dafür zu dieser Zeit ein guter Ausgangspunkt, weil die Berggemeinde als Kurort bekannt ist und viele deutsche Staatsangehörige ihre Lungenleiden in Davos kurieren wollen. Viele lassen sich auch im Ort nieder – so auch Gustloff.
Kino- und Konzertbesuche vor der Tat
Am 31. Januar 1936 trifft Frankfurter in Davos ein. Er hat aber nicht die Absicht, die Höhenluft auf sich wirken zu lassen und er hat auch keine Ski im Gepäck – stattdessen aber die gekaufte Waffe. Er kommt im Hotel «Metropol-Löwen» unter. Bevor er vier Tage später zur Tat schreitet, verbringt Frankfurter die Zeit aber noch mit Konzert- und Kinobesuchen.
Und damit zurück zum 4. Februar. Frankfurter sagt der Ehefrau von Wilhelm Gustloff an der Türe, dass er im Auftrag der deutschen Studentenschaft dem Führer der «Landesgruppe Schweiz» der NSDAP einige wichtige Papiere persönlich übergeben muss. Und erhält deshalb Einlass.
Nachdem er sein Vorhaben in die Tat umgesetzt hat, flüchtet Frankfurter zunächst. Sein Vorhaben, sich selbst zu töten, setzt er aber nicht um. Er stellt sich schliesslich der Polizei und lässt dort bereits nach dem Verhör keine Zweifel offen, was sein Tatmotiv ist.
Er hätte gar nicht anders gekonnt und die Kugeln hätten eigentlich Adolf Hitler gegolten. Frankfurter hat vor seiner Tat auch einen Abschiedsbrief geschrieben, der an seine Geschwister gerichtet ist. «Ich kann das Unglück des jüdischen Volkes nicht mehr ertragen, es hat mir die Lebensfreude genommen. Möge Gott alles rächen, was uns Juden angetan wurde.»
Diplomatische Krise mit Hitler-Deutschland
Das Attentat sorgt weit über die Schweiz hinaus für Aufregung. Es kommt auch zu einer diplomatischen Krise zwischen der Schweiz und Hitler-Deutschland. In der Schweiz wird vorübergehend die NSDAP Schweiz verboten.
Die Nazipresse in Deutschland wirft der Schweizer Presse vor, dass sie mit ihrer «tendenziösen Berichterstattung» ebenso Schuld am Mord habe wie Frankfurter selbst. Der Bundesrat wird unter Druck gesetzt, «der Hetze der sozialistischen und kommunistischen Presse ein Ende zu setzen».
Giuseppe Motta, KVP-Bundesrat (später CVP und heutige Mitte) dementiert daraufhin einen direkten Zusammenhang. Er distanzierte sich aber auch von Frankfurter. Er erklärt fragwürdigerweise: «Als Jude und Slawe besitzt er eine andere Mentalität als die Schweizer.»
Prozess zur Propaganda missbraucht
Im Dezember des gleichen Jahres beginnt in Chur der Prozess gegen Frankfurter. Anwesend: Fast 50 Nazijournalisten, die Frankfurter als Mörder im Auftrag einer grösseren jüdischen Verbrechergruppe hinstellen sollen.
Die Verteidigung versucht, den Mord in den Zusammenhang der internationalen Judenverfolgung zu setzen. Von deutscher Seite kommt es hingegen während des ganzen Prozesses immer wieder zu antisemitischen Aussagen und Ausfällen.
Der Verteidiger findet beim Gericht allerdings kein Gehör. Stattdessen misst dieses einem psychiatrischen Gutachten hohe Bedeutung bei. Dieses attestiert Frankfurter keine politischen Motive.
So wird der Nazimörder, wie von der Anklage gefordert, zu 18 Jahren Haft im Sennhof in Chur verurteilt. Knapp die Hälfte davon sitzt er tatsächlich ab. Sein Verhalten im Sennhof wird als vorbildhaft überliefert.
Grosser Rat begnadigt Frankfurter
Am 5. März 1945 – kurz vor Kriegsende – reicht Frankfurters Anwalt beim Kleinen Rat (heute Regierung) ein Begnadigungsgesuch ein. Am 1. Juni wird Frankfurter schliesslich mit 78:12 Stimmen begnadigt. Er wird aber gleichzeitig des Landes verwiesen.
Frankfurter zieht nach Israel und wird dort Beamter im Verteidigungsministerium. 1969 nimmt die Schweiz das Einreiseverbot schliesslich zurück. 1982 stirbt Frankfurter schliesslich 73-jährig in Israel.
Patrick Kuoni ist Redaktor bei Südostschweiz Print/Online. Er berichtet über Geschehnisse aus dem Kanton Graubünden. Der Schwerpunkt seiner Berichterstattung liegt auf den Themenbereichen Politik, Wirtschaft und Tourismus. Wenn er nicht an einer Geschichte schreibt, ist er als einer der Tagesverantwortlichen für die Zeitung «Südostschweiz» tätig. Patrick Kuoni ist in Igis (heutige Gemeinde Landquart) aufgewachsen und seit April 2018 fester Teil der Medienfamilie Südostschweiz. Mehr Infos
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