FC Bonaduz: Eklat provoziert Blocktransfer
Der Abstieg in die 4. Liga hat den FC Bonaduz in seinen Grundfesten erschüttert. Das vormalige Fanionteam spielt nun für Orion Chur.
Der Abstieg in die 4. Liga hat den FC Bonaduz in seinen Grundfesten erschüttert. Das vormalige Fanionteam spielt nun für Orion Chur.
Wenn sich Roland Willi nach getaner Arbeit seinem Hobby Fussball zuwendet, dann steuert er neu von seinem Wohnort Ems nicht mehr den Sportplatz Tuleu in Bonaduz an, sondern die Sportanlange Obere Au in Chur. Nach fast zehn Jahren beim einst ruhmreichen FCB trainiert Willi nun Orion Chur. Was auf den ersten Blick betrachtet nach einem üblichen Tapetenwechsel eines Fussballcoaches aussieht, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als aussergewöhnlicher Vorgang. Denn nicht bloss Willi wechselte die Fronten, sondern nahezu die geschlossene frühere erste Mannschaft des FCB. Sie alle kicken neu zwei Etagen tiefer in den Niederungen der 5. Liga.
Keinen Konsens gefunden
Das wirft Fragen auf. Eigentlich wollten Willi und seine Spieler nach dem Abstieg in die 4. Liga ihrem Hobby auch weiterhin auf der idyllischen Anlage in Bonaduz nachgehen. Was also ist passiert? «Wir wollten nach dem Abstieg auf eine starke Mannschaft setzen und in absehbarer Zeit den Wiederaufstieg schaffen», sagt Willi. Dabei muss man wissen, dass auch die zweite Mannschaft des FCB der 4. Liga angehört. Und diese Zweitvertretung versteht sich offenbar nicht bloss als Spielball des Fanionteams. «Es war seit Längerem mehr ein Nebeneinander, aber keine klare Zusammenarbeit zwischen den Teams», analysiert Willi.
Unter der Federführung von Edgar Camenisch und Christian Majoleth, zwei Aktive zu erfolgreicheren 2.-Liga-Zeiten in den Neunzigerjahren, sollten die Gräben zugeschüttet und beide Equipen neu aufgestellt werden. Doch bei der Bildung eines ambitionierten Fanionteams stiessen Camenisch und Majoleth auf entschiedenen Widerstand. Ex-Coach Willi vermutet, dass er Personen in und um den Verein nicht mehr genehm war und Vertreter der zweiten Mannschaft die Chance witterten, vereinsintern zur ersten Mannschaft zu avancierten. Eine verworrene Lage, aus der es keinen Ausweg mehr gab.
Camenisch, einst auch beim FC Chur in der Nationalliga B am Ball, bedauert die Vorkommnisse. Er sagt: «Ich darf von mir behaupten, dass mir als früherem Aktivem der Verein am Herzen liegt.» Doch nachdem es keinen Konsens zwischen den Exponenten der beiden Equipen gab, warfen Camenisch und Majoleth entnervt das Handtuch. «Ich bin enttäuscht. Es ist sehr bedauerlich, auf diese Weise eine komplette erste Mannschaft zu verlieren. Selbstverständlich ist es dies der Super-GAU schlechthin für einen Verein», erläutert der ehemalige Mittelfeldmotor Camenisch.
Offene Türen bei Orion Chur
Exakt dieser Exodus ereignete sich Ende Juni. Nachdem mehrere Akteure der Willi-Truppe Begehrlichkeiten bei der Konkurrenz geweckt hatten und sich die Equipe in ihre Einzelteile aufzulösen drohte, kam es zum umgewöhnlichen Blocktransfer zum FC Orion. Weil der Churer Verein über keine Aktivmannschaft mehr verfügte, nahm er das Angebot der wechselwilligen Bonaduzer gerne an. Zur Freude von Willi, der festhält: «Dass wir diesen Wechsel mit der nahezu geschlossenen Equipe tätigen, ist aussergewöhnlich. Dies beweist den enormen Kitt in dieser Mannschaft.»
Einflussreiche Strippenzieher?
Zurück bleibt ein FC Bonaduz mit ungewissen Zukunftsperspektiven. Natürlich wird im Dorf derzeit viel debattiert über den Fussballklub und sein Innenleben. Gemunkelt wird über seit Längerem schwelende Machtkämpfe im Verein, befeuert von einflussreichen Strippenziehern hinter den Kulissen, denen wie erwähnt mutmasslich primär die Person Willi ein Dorn im Auge war. Von den unschönen Ereignissen vollends überrollt wurde Roger Scheiwiller, seit einem Jahr Präsident des FCB. Er wird sein Amt an der Generalversammlung am 18. September zur Verfügung stellen. Das habe aber nicht mit den Wirren zu tun. «Ich habe den Zeitaufwand des Amtes unterschätzt», gesteht Scheiwiller. Ebenso habe er gewisse interne Probleme falsch eingeschätzt und zudem die Berufung des Duos Camenisch/Majoleth intern nicht ausreichend kommuniziert.
Als quasi Aussenstehender bestätigt Scheiwiller derweil die Disharmonie zwischen den beiden hauseigenen Aktivmannschaften. In dieser Beziehung fährt Willi schweres Geschütz auf. «Dass die Bedürfnisse einer zweiten über diejenigen einer ersten Mannschaft gestellt werden, ist im Fussball wohl einzigartig», sinniert der Ex-Coach. Dies lässt Scheiwiller nicht gelten. Er sagt: «Hier wurde niemand bevorzugt. Doch irgendwann lief uns die Zeit davon. Wir mussten schliesslich dem Verband unsere Aktivmannschaftten melden.»
Der Neustart ist missglückt
Und so stellt der FC Bonaduz nur noch eine Equipe in der 4. Liga. Sie startete mit zwei Niederlagen ins Championat. Es ist zu befürchten, dass der langjährige frühere 2.-Liga-Verein, in den Neunzigerjahren einst temporär die Nummer 1 im Kanton, über Jahre an den Folgen des Zerwürfnisses leiden wird. Gemunkelt wird über mehrere Ex-Spieler, die ihre Kinder nicht mehr länger in der Juniorenabteilung belassen. Auf jeden Fall besteht das allgemeine Bedürfnis nach Aufklärung. «An der Generaversammlung», sagt Ex-Spieler Camenisch, «wird einiges zu besprechen sein.»
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